Das Buch zur Ringvorlesung Bildung MACHT Gesellschaft ist nun endlich erschienen! Darin finden sich neben Aufsätzen zu den Vorträgen der Ringvorlesung weitere spannende Beiträge rund um die Themen Studierendenprotest, Bildung und Gesellschaft.
Bildung MACHT Gesellschaft. 2011. Westfälisches Dampfboot.
Herausgegeben von Marisol Sandoval, Sebastian Sevignani, Alexander Rehbogen, Thomas Allmer, Matthias Hager und Verena Kreilinger
Mit einem Vorwort von Alex Demirović
Es schreiben Roland Atzmüller, Torsten Bultmann, Kornelia Hauser, Michael Hartmann, Klemens Himpele, Freerk Huisken, Ines Langemeyer, Konrad Paul Liessmann, Jürgen Mittelstraß, Erich Ribolits, Ilse Schrittesser und Elisabeth Steinklammer
Das Inhaltsverzeichnis zum download.
Der Band ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.
Ende des Jahres 2009 entzündete sich zuerst an den Hochschulen in Österreich und dann in ganz Europa ein von den Studierenden getragener Protest an der aktuellen hochschulpolitischen Situation. Auch wenn in besetzten Hörsälen der Alltag längst wieder eingekehrt ist, ist der Protest noch nicht zu Ende und haben die Kritik und die Forderungen der Unibrennt Bewegung nicht an Relevanz verloren. Nach wie vor sind die Universitäten unterfinanziert, ist die Debatte um Studiengebühren aktuell, prägen ökonomische Verwertungsinteressen die universitäre Lehre und Forschung und erschweren prekäre Beschäftigungsverhältnisse das Leben vieler WissenschaftlerInnen.
Der Aufschrei aus dem Jahr 2009 hat einen Diskussionsprozess über die gesellschaftliche Bedeutung von Bildung ausgelöst, der mit dem Buch Bildung MACHT Gesellschaft fortgeführt und vertieft wird. Es dokumentiert eine von Unibrennt geforderte und im Sommersemester 2010 von Studierenden an der Universität Salzburg organisierte Ring-Vorlesung. Die AutorInnen beschäftigen sich mit den aktuellen Problemen im Bildungsbereich und ihrem gesellschaftlichen Kontext. Sie diskutieren, wie gesellschaftlich wünschenswerte Bildung aussehen könnte und worin die Möglichkeiten emanzipatorischer Bildung bestehen, und befassen sich darüber hinaus mit den Möglichkeiten und Problemen von Studierendenprotesten. Dabei hilft der Band vielleicht auch zu verstehen, warum es so schwer ist dauerhafte Änderungen im Bildungsbereich und der Gesellschaft zu bewirken, es sich aber dennoch lohnt, weiter dafür zu kämpfen.
Videos zu den Vorträgen
Jede Woche wird ein Video zu den Vorträgen der Ringvorlesung online gestellt.
1. Einheit (03.03.2010): Einführung und Vorbesprechung (Alexander Rehbogen, Marisol Sandoval)
2. Einheit (10.03.2010): Erich Ribolits: Möglichkeiten und Grenzen emanzipatorischer Bildung an den Universitäten
3. Einheit (17.03.2010): Kornelia Hauser: Kritische Bildungssoziologie
4. Einheit (24.03.2010): Peter Grottian: Bildungsprotest als Soziale Bewegung
5. Einheit (14.04.2010): Jürgen Mittelstraß: Humboldts Licht und Bolognas Schatten auf der Wissensgesellschaft
6. Einheit (28.04.2010): Torsten Bultmann: Hochschule und Demokratie – ein Dauerkonflikt
7. Einheit (05.05.2010): Konrad Paul Liessmann: Die letzte Aufgabe unseres Daseins. Über Bildung und ihre Deformation im Zeitalter des Wissens.
8. Einheit (12.05.2010): Ferdinand Eder: Welche Bildung nützt den Menschen? Entwicklungstrends im Verständnis von Bildung.
9. Einheit (19.05.2010): Elisabeth Steinklammer: Widerstand lernen?! Über Praxis, informelle Lernprozesse und Hegemonie
10. Einheit (02.06.2010): Michael Hartmann: Exzellenz – Ist Ungleichheit Schicksal?
11. Einheit (09.06.2010): Roland Atzmüller: Pädagogisierung der Arbeit und Prekarität
12. Einheit (14.06.2010): Freerk Huisken: Ausbildung im Kapitalismus: Macht die Schule dumm?
Danke an Matthias Gruber, der sich dazu bereiterklärt hat alle Vorträge zu filmen!
RINGVORLESUNG Unibrennt: Bildung MACHT Gesellschaft
Mittwoch, 17.00 – 19.00, HS 381, GesWi Rudolfskai 42
Im Rahmen der Ringvorlesung “Unibrennt: Bildung MACHT Gesellschaft” soll über die im Kontext der aktuellen Studierendenprotestbewegung diskutierten bildungspolitischen Themen reflektiert werden. Dabei gilt es sowohl existierende Missstände aufzuzeigen und zu kritisieren, als auch eine Vorstellung einer gesellschaftlich wünschenswerten Bildung zu erarbeiten und Strategien für eine progressive Gestaltung des Bildungssystems zu identifizieren.
Die eingeladenen ExpertInnen werden sich in ihren Vorträgen mit der Rolle von Bildung in der Gesellschaft auseinandersetzen und im Spezifischen auf die Hochschulbildung und aktuelle Entwicklungen eingehen. Zentrales Ziel der Ringvorlesung ist die Diskussion des Begriffs “Bildung” und dessen kritischer Abgleich mit der Realität. Theoretische Überlegungen bilden dazu das Fundament, auf welchem Fragen nach der Bedeutung von Wissen in unserer Gesellschaft, nach dessen Produktion(s-) und Reproduktion(sbedingungen) und nach deren demokratischer Ausgewogenheit ebenso behandelt werden wie aktuelle bildungspolitische Fragen. Darunter fallen die Bedingungen für Forschung und Lehre, der Zugang zu Bildung, die Auswirkungen des Bolognaprozesses und die Reflexion der Studierendenproteste. In der Analyse erfolgt ein kritischer Abgleich mit den theoretisch fundierten Bildungsidealen.
Die Themen der Ringvorlesung gliedern sich in die folgenden drei Hauptblöcke:
• Was ist Bildung bzw. welche Rolle nimmt Bildung in der heutigen Gesellschaft ein und welche sollte sie einnehmen?
• Wie müssen Universitäten gestaltet werden, um zur Verwirklichung eines emanzipatorisch demokratischen Bildungs- und Gesellschaftssystems beizutragen?
• Inwiefern sind Studierendenproteste gesellschaftlich relevant und was können sie bewirken?
Begeleitend zur Ringvorlesung wird auch ein PS angeboten. Es dient einerseits als Vertiefung der in der VO besprochenen Inhalte, deren Diskussion mit KollegInnen, der Vorbereitung und Begleitung der Einreichung von Exposés für den Call4Papers, sowie der spezialisierten Betrachtung bildungspolitischer Inhalte der Ring-VO im Kontext medialer und öffentlichkeitstheoretischer Aspekte. Nähere Information und Anmeldung: PlusOnline
PROGRAMM
| 03. März 2010 | LV-Leitung | Überblick und Kontext |
| 10. März 2010 | Erich Ribolits (Univ. Prof., Institut für Bildungswissenschaften, Universität Wien) | Möglichkeiten und Grenzen emanzipatorischer Bildung an den Universitäten |
| 17. März 2010 | Kornelia Hauser (Univ. Prof. Feministische Gesellschafts- und Kulturwissenschaft, Universität Innsbruck) | Kritische Bildungssoziologie |
| 24. März 2010 | Peter Grottian (Univ. Prof. für Politikwissenschaft, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin) | Bildungsprotest als Soziale Bewegung |
| 14. April 2010 | Jürgen Mittelstraß (Univ. Prof. Universität Konstanz, Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates, Wien) | Humboldts Licht und Bolognas Schatten auf der Wissensgesellschaft |
| 21. April 2010 | Freerk Huisken (Em. Univ. Prof. für Politische Ökonomie des Ausbildungssektors, Universität Bremen)
!!! VERSCHOBEN AUF MONTAG, 14.06.2010, 18.00-20.00, HS 380 (GesWi Rudolfskai 42) |
Ausbildung im Kapitalismus: Macht die Schule dumm? |
| 28. April 2010 | Torsten Bultmann (Politischer Geschäftsführer Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler BdWi) | Hochschule und Demokratie – ein Dauerkonflikt |
| 5. Mai 2010 | Konrad Paul Liessmann (Univ. Prof. für Philosophie, Universität Wien) | Die letzte Aufgabe unseres Daseins. Über Bildung und ihre Deformation im Zeitalter des Wissens |
| 12. Mai 2010 | Ferdinand Eder (Univ. Prof. für Erziehungswissenschaften, Universität Salzburg) | Welche Bildung nützt den Menschen? Entwicklungstrends im Verständnis von Bildung. |
| 19. Mai 2010 | Elisabeth Steinklammer (Grüne Bildungswerkstatt Wien) | Widerstand lernen?! Über Praxis, informelle Lernprozesse und Hegemonie |
| 26. Mai 2010 | TeilnehmerInnen | Studierendenpapers |
| 2. Juni 2010 | Michael Hartmann (Univ. Prof. für Soziologie, TU Darmstadt) | Exzellenz – Ist Ungleichheit Schicksal? |
| 9. Juni 2010 | Roland Atzmüller (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt, Wien – Working Life Research Centre, Vienna) | Pädagogisierung der Arbeit und Prekarität |
| 16. Juni 2010 | Ilse Schrittesser (Ao. Univ. Prof., Vorständin des Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien) | Einmal Bologna und retour? Über Anspruch und Wirklichkeit des Bologna-Prozesses. |
| 23. Juni 2010 | Ines Langemeyer (Insitut für Arbeits- und Sozialwissenschaften, BTU Cottbus) | Selbstbestimmtes Lernen in der Wissenschaft? Kritisch-psychologische Anmerkungen zu den Studienbedingungen nach Bologna |
| 30. Juni 2010 | LV-Leitung | Prüfung |
03.03.2010: Erich Ribolits
Univ. Prof., Institut für Bildungswissenschaften, Universität Wien
Möglichkeiten und Grenzen emanzipatorischer Bildung an den Universitäten
In den letzten Jahren flammt immer wieder – zuletzt in Zuge der Studierendenproteste im WS 09/10 – Kritik an der eindimensionalen Ausrichtung universitärer Studien an ökonomischen Verwertungskriterien auf. Moniert wird, dass im Zuge der seit einigen Jahren vorangetriebenen Neustrukturierung der Studien die hinter dem Begriff Bildung stehende Idee der Entwicklung des Subjekts zum autonomen Individuum (auch) an der Universität verloren ginge und an seine Stelle eine an betriebswirtschaftlicher Verwertung ausgerichtete Zurichtung trete. Universitärer Bildung werde auf den Status einer kauf- und verkaufbaren Ware herabgewürdigt und Bildungsangebote auf eine durch Studiengebühren und andere Zugangshürden künstlich knapp gehaltene Dienstleistung verkürzt.
Mit der Kritik geht vielfach – mehr oder weniger offen – die Behauptung einher, dass Universitäten vor den aktuellen Reformen ein Hort mündig machender Bildung gewesen seien. Zudem wird überwiegend so getan, als ob sich die Universitäten aus den die Gesellschaft als Ganzes prägenden Kampf Jede/r gegen Jede/n heraushalten und unter der Prämisse emanzipatorischer Bildung agieren könnten. Beide Behauptungen – es wäre früher um die Sache der Bildung grundsätzlich besser gestanden und für Universitäten bestünde die Möglichkeit, sich der allgemeinen Verkürzung von Bildung zu einer Ware grundsätzlich zu widersetzen – führen dazu, dass die Kritik in der Regel auf kulturpessimistischer Ebene verharrt; eine Analyse der hinter den Phänomenen wirksamen gesellschaftlichen Kräfte erfolgt nicht. Genau eine solche erscheint allerdings notwendig, damit der Ruf nach Bildung statt Ausbildung nicht zu zahnloser Kampfrhetorik verkommt und sich seine Proponenten nicht zu hilflosen Anklägern der Gegenwart und bewusstlosen Lobredner vergangener Zeiten machen – sie soll im gegenständlichen LV-Block geleistet werden!
17.03.2010: Kornelia Hauser
Univ. Prof. für Feministische Gesellschafts- und Kulturwissenschaft, Universität Innsbruck
Kritische Bildungssoziologie
Bildung wird im Neoliberalismus an Zwecke gebunden und in reale gesellschaftliche Prozesse als Moment von Handlungsfähigkeit integriert. Bildung als „geistiges Gut“ erfährt ihre Materialität in Form von „Bildungsabschlüssen“ (Qualifikationen), die sich als zugerichtete praktische Kompetenzen zu erweisen haben. „Um überhaupt noch den Anforderungen zu genügen, welche die Gesellschaft an die Menschen richtet, reduziert Bildung sich auf die Kenntnis gesellschaftlicher Immanenz und Integriertheit und wird unverhohlen sich selber ein Tauschbares, Verwertbares.“ (Adorno: Theorie der Halbbildung, 48 f.)
Ein Bildungsbegriff, der Bildung radikal realitätsmächtig als „soziale Tatsache“ fasst, beginnt sich erst wieder zu formieren.
Gesellschaftliche Prozesse, die die Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten als Widersprüche, die produktiv gemacht werden können, untersucht werden, stellen sich heute überwiegend als Paradoxien dar, die 1. die Ausarbeitung innovativer Paradigmen erfordern, die 2. die neuen individuellen Vergesellschaftungsmechanismen (Stichwort: „das unternehmerische Selbst“, die „unternehmerische Kultur“) mit Kritik und Möglichkeiten von Selbstbestimmung ausstatten.
Die neue Politik der „kulturellen Differenz“ macht Neudefinitionen von Hegemonie, Widerstand, Kritikfähigkeit und die Auseinandersetzung um Formen gesellschaftlicher und persönlicher Performanz erforderlich.
Bildung kann nicht kanonisiert werden, indem Inhalte (zumeist bildungsbürgerlich) normativ vorgegeben werden. Bildung als normativer Begriff muss aber gegen die unmittelbare Vernutzung und Zertifizierung von „Bildungsprozessen“ mit Begriffen wie Persönlichkeitsbildung, Selbstzweck, inneres Wachstum und vor allem Erfahrungen mit lebensweltlicher Demokratie usw. aufladen.
Bildungsprozesse sollten ihren Schwerpunkt in der Aneignung von vielfältigen Methoden erhalten, die Möglichkeit reflexiver Wahrnehmungen eröffnen (Stichwort: nicht unmittelbares Erleben von Formen/Strukturen/Ereignissen, sondern mittelbares (reflexives) Begreifen und Verstehen). Der aufgeklärte Subjektbegriff orientierte sich an Erfahrung und Begriff. Bildung ist dann die Erschliessung von Produktivkräften, Erfahrungen (auch antizipierte Erfahrungen wie sie in Literatur und theoretischen Vorschlägen herauszulesen ist) für die eigene Lebensplanung auszuwerten (Urteil) und zu ihnen ermutigt zu werden. Die zunehmende Unplanbarkeit der eigenen Lebensumstände, die fehlende Kontrolle über Raum und Zeit erfordern von der Bildung von sowohl abstrahierenden als auch konkretisierenden Begreifenskräften.
Indem Bildungsbegriff seiner gesellschaftlichen Dimensionen beraubt wurde und auf Kompetenzerlangung reduziert, gehen auch seine impliziten und expliziten Demokratiepotentiale verloren. „Objektiv produziert ist vielmehr die subjektive Beschaffenheit, welche die objektiv mögliche Einsicht unmöglich macht.“ (Adorno 2006: 53) Durchdringung der Verhältnisse und „eingreifendes Denken“ (Brecht) tun not.
Fehlende Bildung – bzw. jene Wissensvermittlung, die das Subjekt nicht erreicht und durch die das Subjekt sich nicht entfaltet – transportiert Irrtationalität (Verherrlichung von Natur und Seele) „Sie ist geistig prätentiös und barbarisch anti-intellektuell in eins.“ (Adorno ebd, 55) und das macht sie angesichts wachsender Rassismen, Sexismen und rechtsextremer Parteien zu einer gefährlichen Waffe.
24.02.2010: Peter Grottian
Univ. Prof. für Politikwissenschaft, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin
Bildungsprotest als Soziale Bewegung
(Ankündigungstext folgt)
14.04.2010: Jürgen Mittelstraß
Univ. Prof. Universität Konstanz, Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates, Wien
Humboldts Licht und Bolognas Schatten auf der Wissensgesellschaft
Nach Wilhelm von Humboldts trefflicher Bildungsdefinition ist der Gebildete derjenige, der „so viel Welt als möglich zu ergreifen und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden“ sucht. Dies schließt die Welten des Wissens, der Wissenschaft und der Universität ein. Die Frage ist, ob das auch noch heute gilt: ob unsere Gesellschaft über einen klaren Wissensbegriff verfügt, der sich auch in der Wissenschaft spiegelt, und ob die Universität unter Bologna-Vorzeichen ihrer Bildungsrolle noch nachkommen kann.
21.04.2010: Freerk Huisken
Em. Univ. Prof. für Politische Ökonomie des Ausbildungssektors, Universität Bremen
Ausbildung im Kapitalismus: Macht die Schule dumm?
!!! VERSCHOBEN AUF MONTAG, 14.06.2010, 18.00-20.00, HS 380 (GesWi Rudolfskai 42)
Ausbildung macht dumm. Das steht nicht für ein Versagen von Schule und Universität, sondern das gehört zu den Aufträgen des hiesigen Bildungssystems. Dummheit, was ist das? Es fällt nicht unter Dummheit, wenn man die neue Rechtschreibung nicht beherrscht, nur schlecht lesen und rechnen kann, die Nebenflüsse der Donau, die chemische Formel von Schwefelsäure nicht kennt oder von Feuerbach noch nie etwas gehört hat. Das ist fehlendes Wissen, das kann man sich aneignen. Besser: das könnte man sich aneignen, wenn das Schulwesen tatsächlich das Anliegen verfolgen würde, den Nachwuchs solide in die „Kulturtechniken“ einzuführen und ihm gediegenes Wissen über Natur und Gesellschaft zu vermitteln. Tut es aber nicht.
Dummheit ist dagegen nicht das, was man nicht lernt. Unter Dummheit fällt vielmehr ziemlich viel von dem was man lernt, und zwar als Hauptschüler wie als Gymnasiast und als Student. Es fällt darunter die Ausstattung der Jugend mit einer Fülle falscher Urteile über Gott und die Welt. Das liegt nicht daran, dass sich Schulbuchverfasser und Lehrer einfach nur irren, wenn sie die Schüler mit ihren Lehren über Demokratie und Faschismus, über Geld und Markt, über Familie und Staat traktieren. Das tun sie auch. Aber das trifft nicht die Sache. Dafür sind die Dummheiten viel zu resistent gegen Argumente und haben bereits zu viele Jahrzehnte in Schulbüchern überdauert. Die frühzeitige Aneignung einer gehörigen Portion Dummheit braucht es vielmehr für die geistige Ausstattung der Heranwachsenden. Gefordert ist sie für Leistungen, die mündige Bürger ständig zu erbringen haben: nämlich für die freiwillige Unterordnung unter alle Zwänge und Sachzwänge dieser Gesellschaft. Und weil die Lebensplanung aller Bürger in der Konkurrenzgesellschaft nicht aufgehen kann, deswegen gehört zu den Dummheiten, die man lernen soll, auch die Ausstattung des Verstandes mit lauter falschen Urteilen über die Gründe, warum das mit Karriere und Selbstverwirklichung so häufig nicht klappt. Dummheit ist also – zusammengefasst – die Summe parteilichen Denkens, mit der der erzogene Mensch es fertig bringt, alle politischen und ökonomischen Beschränkungen seiner Interessen zu verarbeiten und dabei brav zu bleiben.
So geht Erziehung in der Gesellschaft, die sich rühmt, eine Wissensgesellschaft zu sein.
28.04.2010: Torsten Bultmann
Politischer Geschäftsführer Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler BdWi
Hochschule und Demokratie – ein Dauerkonflikt
Die Forderung nach einer demokratischen Hochschule hatte immer zwei Komponenten: erstens musste die Frage geklärt werden, wie die Gesellschaft insgesamt auf Hochschulentwicklung Einfluss nehmen kann; zweitens ging es um die Beteiligung der Mitglieder einer Hochschule an hochschulinternen Entscheidungen in den Selbstverwaltungsorganen. Dieses Spannungsverhältnis soll vor dem Hintergrund der gegenwärtigen »Hochschulreformen« in Deutschland diskutiert werden, die alle einem ähnlichen Muster folgen. Im Kern geht es nicht mehr um Veränderungen einer überlieferten Struktur, sondern um eine völlige Neukonstruktion orientiert am neuen Leitbild der »unternehmerischen Hochschulen«: in der Tendenz werden alle relevanten Entscheidungskompetenzen in der künftig als Management firmierenden Hochschulleitung (Exekutive) konzentriert, die Selbstverwaltung wird weitgehend entmachtet. Eine starke Inspiration für die deutschen Wissenschaftsfunktionäre bot dabei das neue österreichische Universitätsgesetz (2002). Mit dem vorherrschenden Unternehmensmodell ist die Gefahr verbunden, dass selbst die Perspektive einer Demokratisierung abgeschafft wird. Die aktuellen Konflikte sollen zugleich historisch eingeordnet werden: mein Ausgangspunkt ist die Frage, wie das Demokratieproblem in den 60er Jahren des vorigen Jahrhundert in deutsche Hochschulpolitik gekommen ist – und in welchen Formen, Kompromissen, (unbefriedigenden) Zwischenlösungen es sich bis heute entwickelt hat.
