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17.03.2010: Kornelia Hauser

Februar 14, 2010

Univ. Prof. für Feministische Gesellschafts- und Kulturwissenschaft, Universität Innsbruck

Kritische Bildungssoziologie

Bildung wird im Neoliberalismus an Zwecke gebunden und in reale gesellschaftliche Prozesse als Moment von Handlungsfähigkeit integriert. Bildung als „geistiges Gut“  erfährt ihre Materialität in Form von „Bildungsabschlüssen“ (Qualifikationen), die sich als zugerichtete praktische Kompetenzen zu erweisen haben. „Um überhaupt noch den Anforderungen zu genügen, welche die Gesellschaft an die Menschen richtet, reduziert Bildung sich auf die Kenntnis gesellschaftlicher Immanenz und Integriertheit und wird unverhohlen sich selber ein Tauschbares, Verwertbares.“ (Adorno: Theorie der Halbbildung, 48 f.)

Ein Bildungsbegriff, der Bildung radikal realitätsmächtig als „soziale Tatsache“ fasst, beginnt sich erst wieder zu formieren.

Gesellschaftliche Prozesse, die die Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten als Widersprüche, die produktiv gemacht werden können, untersucht werden, stellen sich heute überwiegend als Paradoxien dar, die 1. die Ausarbeitung innovativer Paradigmen erfordern, die 2. die neuen individuellen Vergesellschaftungsmechanismen (Stichwort: „das unternehmerische Selbst“, die „unternehmerische Kultur“) mit Kritik und Möglichkeiten von Selbstbestimmung ausstatten.

Die neue Politik der „kulturellen Differenz“ macht Neudefinitionen von Hegemonie, Widerstand, Kritikfähigkeit und die Auseinandersetzung um Formen gesellschaftlicher und persönlicher Performanz erforderlich.

Bildung kann nicht kanonisiert werden, indem Inhalte (zumeist bildungsbürgerlich) normativ vorgegeben werden. Bildung als normativer Begriff muss aber gegen die unmittelbare Vernutzung und Zertifizierung von „Bildungsprozessen“  mit Begriffen wie Persönlichkeitsbildung, Selbstzweck, inneres Wachstum und vor allem Erfahrungen mit lebensweltlicher Demokratie usw. aufladen.

Bildungsprozesse sollten ihren Schwerpunkt in der Aneignung von  vielfältigen Methoden erhalten, die Möglichkeit reflexiver Wahrnehmungen eröffnen (Stichwort: nicht unmittelbares Erleben von Formen/Strukturen/Ereignissen, sondern mittelbares (reflexives) Begreifen und Verstehen). Der aufgeklärte Subjektbegriff orientierte sich an Erfahrung und Begriff.  Bildung ist dann die Erschliessung von Produktivkräften, Erfahrungen (auch antizipierte Erfahrungen wie sie in Literatur und theoretischen Vorschlägen herauszulesen ist) für die eigene Lebensplanung auszuwerten (Urteil) und zu ihnen ermutigt zu werden. Die zunehmende Unplanbarkeit der eigenen Lebensumstände, die fehlende Kontrolle über Raum und Zeit erfordern von der  Bildung von sowohl abstrahierenden als auch konkretisierenden Begreifenskräften.

Indem Bildungsbegriff seiner gesellschaftlichen Dimensionen beraubt wurde und auf Kompetenzerlangung reduziert, gehen auch seine impliziten und expliziten Demokratiepotentiale verloren. „Objektiv produziert ist vielmehr die subjektive Beschaffenheit, welche die objektiv mögliche Einsicht unmöglich macht.“ (Adorno 2006: 53) Durchdringung der Verhältnisse und „eingreifendes Denken“ (Brecht) tun not.

Fehlende Bildung – bzw. jene Wissensvermittlung, die das Subjekt nicht erreicht und durch die das Subjekt sich nicht entfaltet – transportiert Irrtationalität (Verherrlichung von Natur und Seele)  „Sie ist geistig prätentiös und barbarisch anti-intellektuell in eins.“ (Adorno ebd, 55) und das macht sie angesichts wachsender Rassismen, Sexismen und rechtsextremer Parteien zu einer gefährlichen Waffe.

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